Textilien in der Kreislaufwirtschaft

Die Rolle der Gemeinden und Verbände in der Bewirtschaftung von Alttextilien

Die Bewirtschaftung von Alttextilien steht aktuell unter massivem Druck. Während die Sammelmengen steigen, sinkt gleichzeitig die Qualität der erfassten Textilien deutlich – vor allem durch den starken Zuwachs an Fast Fashion. Immer mehr nicht wiederverwendbare Kleidung landet in den Sammelsystemen, während internationale Absatzmärkte wegbrechen und die Kosten für Sortierung und Entsorgung steigen. Für viele Betreiber – insbesondere sozialwirtschaftliche Organisationen – wird die Sammlung zunehmend zum Zuschussgeschäft.

Illustration zur Textilkreislaufwirtschaft: Sammlung, Sortierung und Recycling von Kleidung mit beteiligten Akteur:innen und Prozessen

Gemeinden und Abfallwirtschaftsverbände sind davon unmittelbar betroffen: Sie tragen Verantwortung für funktionierende Sammelsysteme und stehen gleichzeitig vor neuen rechtlichen Anforderungen, etwa durch die seit 2025 verpflichtende getrennte Sammlung und die geplante erweiterte Herstellerverantwortung auf EU-Ebene. Das Webinar bot vor diesem Hintergrund einen kompakten Überblick über aktuelle Entwicklungen, rechtliche Rahmenbedingungen und konkrete Praxisansätze. Das Webinar fand im Rahmen des Projekts Team Kreislaufwirtschaft.

Zahlen, Daten, Fakten zu Textilabfällen

Zu Beginn zeigte Markus Meissner von pulswerk GmbH anhand aktueller Daten die strukturellen Herausforderungen im Textilbereich: Ein Großteil der Alttextilien landet weiterhin im Restmüll und wird thermisch verwertet. Nur rund ein Viertel wird getrennt gesammelt – trotz steigender Relevanz und künftig verpflichtender Sammlung. Zugleich wurde dargestellt, dass die getrennte Erfassung in den kommenden Jahren deutlich zunehmen dürfte. Daraus ergibt sich ein wachsender Bedarf an Sortierkapazitäten, Know-how und neuen Verwertungswegen. Besonders zentral ist dabei die Frage, wie unterschiedliche Qualitäten besser getrennt und höherwertig genutzt werden können – etwa durch Re-Use oder Recycling. Ein wesentliches zukünftiges Steuerungsinstrument ist die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR): Hersteller sollen stärker für die Kosten von Sammlung, Sortierung und Verwertung aufkommen. Gleichzeitig wurde betont, dass Kooperation entlang der gesamten Wertschöpfungskette eine zentrale Voraussetzung für funktionierende Systeme ist.  Ergänzend wurden auch weitere Teilströme angesprochen, etwa Matratzen, Teppiche oder gewerbliche Textilien. Für diese bestehen derzeit nur begrenzte Verwertungsoptionen, gleichzeitig könnten sie künftig stärker in den Fokus von Sammlung und Behandlung rücken. 

Rechtliche Entwicklungen und Rolle der Gemeinden

Im Anschluss gab Michael Bartmann von der ARGE der Abfallwirtschaftsverbände einen Überblick über die aktuellen rechtlichen Rahmenbedingungen. Seit 1. Jänner 2025 ist die getrennte Sammlung von Alttextilien verpflichtend, wobei die konkrete Umsetzung in der Kompetenz der Bundesländer liegt und entsprechend unterschiedlich ausgestaltet ist. 

In der Praxis erfolgt die Sammlung überwiegend in Kooperation zwischen Gemeinden, Abfallwirtschaft und sozialwirtschaftlichen bzw. privaten Partnern. Gleichzeitig steht das System unter Druck: sinkende Erlöse, steigende Kosten und fehlende Recyclingstrukturen erschweren die Umsetzung. 

Auf europäischer Ebene wird aktuell an der Ausgestaltung der erweiterten Herstellerverantwortung gearbeitet. Aus Sicht der kommunalen Abfallwirtschaft wurde betont, dass die Gestaltungshoheit bei den Gemeinden bleiben und bestehende Strukturen – insbesondere mit sozialwirtschaftlichen Partnern – berücksichtigt werden sollten. 

Darüber hinaus wurde die Bedeutung klarer Rahmenbedingungen hervorgehoben: Für ein funktionierendes System braucht es transparente Stoffstromdokumentation, nachvollziehbare Rollenverteilungen sowie realistische Zielsetzungen für Sammlung, Re-Use und Recycling. Offene Fragen bestehen insbesondere bei der Finanzierung, der Einbindung aller Hersteller – etwa im Onlinehandel – sowie der Vermeidung paralleler Sammelstrukturen. 

Sozialwirtschaft und Re-Use als wichtige Säulen

Die Perspektive der Sozialwirtschaft wurde durch Matthias Neitsch von Reuse Austria eingebracht. Er zeigte, dass sozialwirtschaftliche Betriebe einen wesentlichen Anteil an Sammlung und Wiederverwendung von Textilien leisten und gleichzeitig soziale Effekte erzielen – etwa durch Beschäftigung und die Finanzierung sozialer Angebote. 

Gleichzeitig wurde auf aktuelle Herausforderungen hingewiesen: Die Absatzkrise im Export, steigende Sammelmengen bei sinkender Qualität sowie Unsicherheiten rund um die Einführung der Herstellerverantwortung führen zu wirtschaftlichem Druck auf bestehende Systeme. 

Als Beispiel wurde Vorarlberg vorgestellt, wo die Sammlung flächendeckend über eine Kooperation zwischen Gemeinden und der Caritas organisiert ist. Klare vertragliche Regelungen sichern dort sowohl die Organisation der Sammlung als auch die Verwendung von Erlösen für soziale Zwecke. Dieses Modell wurde im Webinar als möglicher Ansatz für zukünftige Systemgestaltungen diskutiert. 

Zudem wurde hervorgehoben, dass sozialwirtschaftliche Systeme ökologische und soziale Wirkungen verbinden und im Bereich Re-Use eine wichtige Rolle einnehmen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass diese Systeme sensibel auf Marktveränderungen reagieren und daher stabile Rahmenbedingungen benötigen. 

Kommunales Praxisbeispiel Schwechat

Ein konkretes Praxisbeispiel präsentierte Daniela Kisser vom Abfallverband Schwechat. Dort wurde das Sammelsystem gezielt weiterentwickelt, um Qualität und Effizienz zu steigern. 

Zentrale Elemente sind unter anderem die Ausgabe von Sammelsäcken an Haushalte, neue Containerlösungen sowie eine stärkere Nähe zu den Bürger:innen. Laut Darstellung des Abfallverbands ist der Störstoffanteil sehr gering, die Qualität der Sammlung entsprechend hoch. 

Die Sammlung erfolgt ohne sozialwirtschaftliche Partner, die Vermarktung wird aktuell eigenständig organisiert. Das Beispiel zeigt, dass Gemeinden durch organisatorische Anpassungen aktiv zur Weiterentwicklung bestehender Systeme beitragen können. 

Besonders deutlich wurde die Rolle operativer Maßnahmen: Standardisierte Behältersysteme, optimierte Logistik sowie regelmäßige Standortanalysen tragen zur Effizienz bei. Die Kombination aus öffentlicher Sammlung und Angeboten in Sammelzentren ermöglicht zudem eine flexible Nutzung durch die Bevölkerung. Gleichzeitig wurde deutlich, dass solche Lösungen stark von regionalen Rahmenbedingungen abhängen. 

Zentrale Diskussionspunkte

In der Diskussion zeigte sich ein breites Spektrum an offenen Fragen und Herausforderungen, die sich in mehrere Themenfelder bündeln lassen und von den Referent:innen teilweise im Nachgang ergänzend beantwortet wurden: 

  • Getrennte Erfassung nach Qualitäten: Eine Differenzierung nach Re-Use-geeigneten und nicht tragbaren Textilien wird künftig mehrheitlich als sinnvoll erachtet, da gemeinsame Sammlung die Qualität für Wiederverwendung beeinträchtigen kann. Kurzfristig liegt der Fokus jedoch darauf, möglichst viele Textilien aus dem Restmüll in getrennte Sammelsysteme zu überführen. Eine weitere Differenzierung wird stark von der Ausgestaltung der EPR abhängen. 
  • Kosten und Finanzierung der Sammlung: Die Phase kostendeckender Alttextiliensammlung dürfte weitgehend vorbei sein. Textilien entwickeln sich zunehmend zu einem kostenverursachenden Abfallstrom. Insbesondere bei Ausweitung auf Recyclingfraktionen ist eine Finanzierung ohne EPR kaum realistisch. Gleichzeitig ist das Mengenaufkommen im Vergleich zu anderen Abfallströmen relativ gering. 
  • Herstellerverantwortung (EPR): Die konkrete Ausgestaltung der EPR ist derzeit noch offen und Gegenstand laufender Abstimmungen und Studien. Die Kosten werden letztlich über Produktpreise an Konsument:innen weitergegeben. Eine aktive Einbindung der Stakeholder wird als entscheidend für eine praxistaugliche Umsetzung gesehen. 
  • Spezielle Stoffströme (z. B. Matratzen): Für komplexere Fraktionen wie Matratzen entstehen erste Lösungen, etwa durch eigene Initiativen und getrennte Sammelsysteme (Stichwort Österreichische Matratzen Allianz). Erste regionale Praxisbeispiele (zB auch in Schwechat) zeigen, dass separate Erfassung möglich ist, der Bereich befindet sich jedoch noch in einer frühen Entwicklungsphase 
  • Stärkung von lokalen Re-Use Strukturen: Eine stärkere Ausrichtung auf Re-Use erfordert aktives Handeln und darf nicht ausschließlich auf zukünftige Technologien verschoben werden. Wichtige Hebel sind funktionierende Praxisbeispiele, Wissenstransfer sowie klare Kommunikation mit Bürger:innen. Erfolgreiche Modelle zeigen sowohl ökologische als auch soziale Vorteile. 
  • Motivation von Gemeinden: Die Umsetzung hängt stark von regionalen Strukturen und bestehenden Netzwerken ab. Langfristig wird die Verankerung im EPR-System als zentraler Hebel gesehen, um Kreislaufwirtschaft verbindlich zu etablieren. Die Abfallhierarchie ist eindeutig.  Es ist eine Aufgabe und die gehört gemanagt und finanziert. 
  • Politische Instrumente und Anreizsysteme: Ökomodulation wird als zentrales Instrument gesehen, um Anreize für kreislauffähige Produkte zu schaffen. Entscheidend ist, dass die Anreize für Hersteller spürbar sind und nachhaltiges Verhalten gezielt fördern. 

Fazit: Transformation aktiv gestalten

Das Webinar hat deutlich gezeigt: Die Alttextiliensammlung befindet sich in einer Phase grundlegender Transformation. Bestehende Systeme geraten wirtschaftlich unter Druck, während gleichzeitig neue regulatorische Anforderungen und steigende Mengen zusätzliche Dynamik erzeugen. 

Für Gemeinden bedeutet das vor allem eines: aktives Mitgestalten. Die kommenden Jahre werden entscheidend sein, um tragfähige Strukturen weiterzuentwickeln – durch Kooperationen, angepasste Sammel- und Verwertungskonzepte sowie die Nutzung neuer Instrumente wie der erweiterten Herstellerverantwortung. 

Gleichzeitig wurde deutlich, dass Lösungen nur im Zusammenspiel aller Akteure entstehen können – von Gemeinden über Sozialwirtschaft und Abfallwirtschaft bis hin zu Herstellern und Konsument:innen. 

Präsentationen des 2. Webinars zum Nachlesen

Präsentation Kisser – Download

Präsentation Meissner – Download

Präsentation Neitsch – Download

Präsentation Barthmann – Download